Worum es im Leben geht

Wissen Sie, worum es im Leben geht?

Wie hat Ihr Tag bisher ausgesehen? Kinder parat machen, zum Zug rennen und da sitzen Sie jetzt, lesen auf dem Smartphone in Ihren einzigen zehn freien Minuten schnell die Zeitung, weil Sie danach ein stressiger Arbeitstag und später ein hektischer «Kinder abholen, ins Bett bringen und danach noch schnell etwas fertig arbeiten»-Abend erwarten? Oder geniessen Sie gerade irgendwo die Sonne, da Sie heute früh aus einer Laune heraus spontan entschieden haben, wieder einmal frei zunehmen?

Die meisten würden wohl Antwort eins ankreuzen, handelte es sich hier um einen Fragebogen. Wir sind oft so in unserem Alltagstrott gefangen, dass wir gar nicht auf die Idee kommen, einfach einmal daraus auszusteigen, innezuhalten und zu geniessen, nachdem wir eine Aufgabe erledigt haben. Denn um die Ecke wartet schon die nächste auf uns.

Kein Wunder, schliesslich sind wir von Beginn weg so erzogen worden, wie Alan Watts sagt. Der englische Philosoph ist bereits 1973 verstorben und obwohl seine Worte mehrere Jahrzehnte alt sind, sind sie heute aktueller denn je.

Watts spricht über die Allegorie «Leben gleich Reise». Wir bezeichnen das Leben nicht nur gerne als solche, wir leben auch tatsächlich nach dieser Idee. Das fängt schon in der Schule an, sagt Watts: Wir würden unsere Kinder in eine Art Bildungskorridor stecken, in dem sie stetig weiterlaufen müssen. Kindergarten, Primarschule, Oberstufe, danach vielleicht ein Studium, auf jede Stufe folgt eine weitere. Danach dasselbe im Beruf, von Stelle zu Stelle, von Position zu Position. «Und die ganze Zeit denken wir, dass sie kommen wird, diese eine grossartige Sache. Das Ziel, auf das man hinarbeitet», so Watts. Das mag eine Beförderung sein. Oder auch die Pensionierung, für die man eisern spart, damit man das Leben danach endlich in vollen Zügen geniessen kann.

Erreicht man sein Ziel irgendwann, merkt man, dass man sich die ganze Zeit etwas vorgemacht hat, weil die Kaderposition das Leben gar nicht so sehr verändert oder man mit 65 plötzlich zu müde ist, um noch gross in der Welt herumzureisen. Oder wie Watts es sagt: «Wir dachten, das Leben sei eine Reise, die zu einem wunderbaren Ziel führt. Doch wir haben uns grässlich getäuscht. Es war vielmehr etwas Musikalisches, zu dem man hätte singen und tanzen sollen, solange die Musik gespielt hat.»

Ein wunderbarer Vergleich. Nicht nur, weil er uns dazu auffordert, das Leben etwas leichtfüssiger anzugehen und darauf zu vertrauen, dass nach einer Moll- plötzlich wieder eine Dur-Sequenz angespielt werden kann. Er lehrt uns auch, vor lauter Nachdenken über die Zukunft die Gegenwart nicht zu vergessen. Denn, so Watts, «wenn man tanzt, will man nicht am anderen Ende des Raumes ankommen mit seinen Schritten; der ganze Sinn des Tanzes besteht vielmehr aus dem Tanz selber.» Ein Satz, den auch Eltern sich zu Herzen nehmen sollten. Denn es ist zwar schön und gut, sich Gedanken zu machen über die Zukunft des Kindes und es möglichst gut fördern zu wollen. Doch was bringt dem Kind das in zwanzig Jahren eventuell benötigte Chinesisch, wenn es deswegen heute nicht mehr zum Spielen kommt? Welchen Sinn haben all die Kurse und Nachhilfestunden, wenn dabei das aktuelle Leben vergessen geht?

Kinder wissen, wie man nach der Melodie des Lebens tanzt

Dabei sind gerade Kinder prädestiniert dafür, mehr nach der Melodie des Lebens zu tanzen. Das weiss jeder, der schon einmal gemeinsam mit einem Kleinkind irgendwohin gegangen ist. Für das Kind steht der Weg, das jetzt im Vordergrund, nicht das später zu erreichende Ziel. Käfer, Autos, Spaziergänger, auf alles reagiert es. Was spannend scheint, dem wird Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet, ist etwas langweilig, will das Kind möglichst schnell weiterziehen.

Ich will daraus keineswegs folgern, dass wir alle nur noch nach Lust und Laune leben und das Morgen ignorieren sollen. Aber wir sollten uns zwischendurch an Watts Worte erinnern. Macht uns eine Passage unseres Lebens einmal besonders Lust aufs Loslassen und spontane Tanzen, dann sollten wir uns dem nicht verwehren, sondern einfach mit der Musik mitgehen. Nicht dass irgendwann der Epilog angespielt wird und man merkt, dass man seinem vermeintlichen Lebensziel so verkrampft nachgerannt ist, dass man der Melodie gar nie richtig zugehört und dadurch den schönsten Teil der Sonate verpasst hat.

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Worum es im Leben geht, keine Anleitung oder vielleicht doch? Sich täglich die Vergänglichkeit des Lebens vor Augen zu halten, lässt einen lehren worum es im Leben geht.
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